Be-Stimmungen zum Aufbau des Blogs

Dieser Blog enthält

1) Sachtexte: Hausarbeiten, Leserbriefe, Bemerkungen und andere wissenschatliche bzw. essayistische Texte und Rezensionen.

2) literarische Texte: Gedichte, Geschichten, sog. Kryptae (kurze prägnante Texte im Stil von "Die Schlange fragte...") und sog. Minuties (flash-fiction, Kürzestgeschichten, was in einigen Minuten gelesen werden kann).

3) sonstige Texte: Geburtagswünsche, Tagebuchähnliches, Be-Stimmungen etc.

4) Vorankündigungen meiner Veröffentlichungen

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Viel Vergnügen.


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Mittwoch, Dezember 12, 2012

zu: Zombies für Zombies von David Murphy

Anmerkungen zu:"Zombies für Zombies. Ein Ratgeber für Untote   

von David Murphy


Nun wurden Sie also von einem Zombie gebissen – schöner Mist!
Das Wichtigste zuerst: Verfallen Sie nicht in Panik. Klar, Ihr Leben wird sich grundlegend ändern. Aber die Zeiten, in denen ein Zombiebiss das sichere Ende bedeutete, sind vorbei. Die Forschung hat immense Fortschritte gemacht. In diesem Buch erfahren Sie alles über das passende Outfit für Ihr neues Dasein, Ihr persönliches Fitnesstraining und die schmackhaftesten Gehirnkochrezepte. Lernen Sie Schlagfertigkeit, angemessenes Benehmen und den Umgang mit nervtötenden Vorurteilen. Erproben Sie Tanzschritte für motorisch Eingeschränkte und die besten Flirtmethoden. Schließlich wollen Sie das Beste draus machen. Glauben Sie mir: Zusammen kriegen wir das hin!    (aus: Inhaltsangabe Amazon)



Bei Zombies für Zombies handelt es sich um ein mittelmäßig (und das ist durchaus positiv gemeint) witziges Buch - wobei eben der Stil eines Ratgebers und einer Werbebroschüre imitiert wird.

Zudem - und das macht es schwieriger zu verstehen bzw. zu würdigen - zudem schimmert durch viele kleine Einzelheiten durch, wie es "tatsächlich" in der Welt nach dem Provo-Virus zugeht:
eine postapokalyptische Welt voller wilder Zonen, mit Resten von geschützten Bereichen und den Shores - nur schlecht kaschierte Konzentrationslager für Postvitale, in denen sie Zwangsarbeit leisten müssen (kaschiert als super interessante Arbeitsgelegenheit), kein Wahlrecht und generell keine Bürgerrechte mehr haben (außer dem - zu konsumieren und Marken auszugeben), keinen Grundbesitzt mehr haben dürfen, kein Auto und selbstverständlich nicht mehr fahren dürfen!

Auch können sie als besondere "Vergünstigung" an mediznischen Experimenten teilnehmen, in höchst gefährlichen Bergwerken auf dem Mond, in lebensgefährlichen Lagern im Dschungel oder in unterseeischen Abbaustätten arbeiten.

Angedeutet wird auch, dass die Regierung auf Druck der Konzerne kein Gegenmittel mehr sucht oder die ebenfalls angedeutete neu entstehnde Intelligenz der Horde untersucht, damit die Wirtschaft, die Mode etc. weiterhin gut verdienen kann an den Zombies und ihren Familien.

Der trockene, wie selbstverständlich gehaltene Ton etwa der Beschreibung vom Ausnutzen der Zombies auch für Partyspäßen, das Hinnehmen von sehr sehr indirekt angedeuteten sexuellen und medizinischen Missbrauch an den Zombies in den Shores (was sind denn nun die "Verfügungs- und Beißtage"?) schafft dabei ein unterschwelliges Bedrohungsszenario.

Die im letzten Teil des Buches strikt abgestrittenen Probleme wie Aufstände in den Shores, Ausbrüchen der Horde im ganzen Land, das Abbrechen der Kommunikation mit vielen Shores und einer neu entstandenen Mutation des Provo-Virus, der jetzt auch die bereits Infizierten neu ansteckt etc. lassen dabei den Leser endgültig einen Blick auf die echte Welt in "Zombies für Zombies" werfen.

Man kann dieses Buch darüber hinaus als eine Parodie auf die Segnungen und Methoden der Wirtschaft verstehen, die Mittel, wie Quali-Ko etwa seine Medikamente und Fresspakete, seine Drogen und spezielle Kleidung etc. an den Mann bringt - und dabei brutal Konkurrenten ausschaltet und den Konsumenten dabei jeder Wahl beraubt und überwältigend jeden Widerstand auslöscht, ist schon ziemlich geistreich und witzig. Und ... beklemmend.

Abschließend möchte ich auf den Titel meiner Rezension zurück kommen:
man kann auch zu subtil sein!
der Autor hätte sehr wohl etwas (!) mehr Details über die wahre Welt da draußen einstreuen können, hätte ruhig manchnmal weniger subtil sein dürfen.
Dennoch: ganz nettes, witziges Buch! 


Man kann auch zu subtil sein!!!!!!!!!!

Montag, Oktober 09, 2006

Stumpf

Letzten Mittwoch hab ich sie gesehen. Luisa. Ich meine, ich sehe sie öfters, klar, im Büro, im Gang, beim Essen in der Kantine oder im Fahrstuhl. Man nickt sich zu, wünscht vielleicht auch mal ein schönes Wochenende, mehr nicht. Ihr Büro liegt in einem anderen Flur, etwas abseits von meinem. Jedenfalls habe ich Luisa noch nie richtig gesehen, verstehen Sie was ich meine? Das wurde mir da klar. Es war fünf Uhr Nachmittag, kurz vor Feierabend und ich hatte es naturgegebenermaßen eilig. Der Kopierer in unserem Flur war defekt und ich hatte den im anderen Flur nehmen müssen. Es dauerte länger, denn ich hatte die Sortierfunktion vergessen und durfte ein paar hundert Kopien von Hand ordnen. Während ich heftete, tackerte und wartete, blickte ich die Wand entlang. Die Tür ihres Büros war halb geöffnet, durch den Spalt sah ich Luisa mit dem Rücken zu mir im Halbdunkeln an ihrem Schreibtisch stehen. Ich wollte auf die Uhr hinter ihr schauen, aber etwas irritierte mich. Luisas Haltung war merkwürdig, verkrampft und ihre rechte Hand bewegte sich hektisch. Ich konnte nicht sofort erkennen, was sie da machte. Ein elektrisches, sirrendes Geräusch war zu hören und kleinere Fetzen fielen auf ihren Schreibtisch. Luisa spitze ihren Bleistift mit einem dieser neumodischen elektrischen Anspitzer. Mir fiel ein, dass sie als eine der wenigen im Büro mit Namen bedruckte Stifte benutzte, worüber sich die anderen lustig gemacht hatten. Luisa drückte den Stift gegen den Spitzer, es sirrte und knisterte. Ich mag diese Spitzer nicht, es sieht immer aus, als ob sie die Stifte auffressen würden, mir sind die zum Kurbeln lieber. Ich bemerkte, dass zu viele Holzspäne und grüne Lacksplitter auf den Tisch fielen. Überhaupt lagen massenhaft von diesen halb gerollten Holzfetzen auf ihrem sonst penibel aufgeräumten Schreibtisch verstreut. Ganze Haufen davon. Sie musste zig Stifte gespitzt, bis zum letzten Rest gespitzt haben. Ich hatte die Vision davon, wie sie seit Stunden den Anspitzer mit einem Stift nach dem anderen fütterte und … Ich bewegte mich etwas zur Seite, um besser sehen zu können und einer der Stapel Kopien rutschte mir weg. Ich griff danach und das Geräusch veränderte sich. Ich blickte hoch, die Maschine surrte jetzt mit beinah schmatzenden Lauten. Keine Späne fielen und dennoch drückte Luisa weiter gegen den Spitzer. Rotes floss das Metall herunter, tropfte auf ihren Schreibtisch. Ich ließ die Kopien fallen und sie hörte das Rascheln. Ihr Kopf schnellte herum und sie sah mich an. Luisa sah mich an. Wie im Reflex hob ich die Hand, wollte ihr mechanisch zunicken und spürte ein krampfhaftes Grinsen auf meinem Gesicht, Luisa drehte ihren Oberkörper mir zu und öffnete leicht ihre Lippen. Mein zitterndes Lächeln erstarb. Ich konnte sehen, dass sie noch immer ihre Finger in die Maschine drückte und ihre Augen … Luisa lächelte mich an und machte eine Bewegung auf die Tür zu. Panisch tat ich einen Schritt zurück, stolperte über den Stecker des Kopierers und ihre Tür schlug zu. Schwindlig und schwer atmend lehnte ich an der kühlen, rauen Wand neben dem Kopierer, der weiter Kopien ausspuckte. Schwankend bückte ich mich und sammelte sie ein, kreuz und quer, wie sie lagen. Ich konnte nicht klar denken, mir war neblig zumute. Ich musste mich geirrt haben, nicht richtig gesehen haben im Halbdunkel des Büros. Mit einem fahrigen Blick zur Tür, ihrer Tür, (sie bebte, meine Augen bebten, ich fühlte die Adern pochen), raffte ich schnell die Vorlagen aus dem Kopierer zusammen und hastete davon.
Ab und zu sehe ich Luisa noch im Büro, im Gang, in der Kantine beim Essen, im Fahrstuhl. Aber nie allein, ich bin nie allein. Ich werde kündigen, wenn sie mich noch einmal ansieht.